Wie Marketingwissen im Team bleibt, wenn der Berater wieder geht

Am Ende eines Beratungsprojekts stellt sich eine Frage, die selten offen gestellt wird: Wer kann das jetzt eigentlich weiterführen? Die Antwort entscheidet sich nicht am letzten Tag, sondern am ersten.

Von Torben Dill Aktualisiert am 5 Minuten Lesezeit

Eine Geschäftsführung, die einen externen Marketingberater beauftragt, fragt selten direkt danach, was im Haus bleibt, wenn das Projekt endet. Sie fragt nach einer Strategie. Nach einem Konzept. Nach einer neuen Kampagne. Die eigentliche Frage taucht meist erst am Schluss auf, wenn die letzte Präsentation gehalten ist: Wer kann das jetzt eigentlich weiterführen?

Diese Frage entscheidet sich nicht am letzten Tag der Zusammenarbeit. Sie entscheidet sich am ersten.

Wie aus Beratung leicht eine Blackbox wird

Das Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung hat 32 Entscheidungsträger aus Unternehmen unterschiedlicher Branchen zu ihren Erfahrungen mit externer Beratung befragt. Ein Muster zieht sich durch die Interviews: Beratung wirkt dort über das Projektende hinaus, wo sie ergebnisoffen und kompetent auftritt. Sie verpufft, wo Berater mit fertigen Theorien anrücken, ohne dass daraus etwas entsteht, das die Organisation selbst tragen kann. Eine der befragten Personen brachte es so auf den Punkt: Machen müsse man es am Ende ohnehin selbst.

Darin liegt das Risiko. Ich kann eine Strategie sauber ausarbeiten. Eine Positionierung präzise formulieren. Ein Konzept liefern, das auf den ersten Blick überzeugt. Entsteht dieses Wissen aber nur in meinem Kopf und wird am Ende lediglich als fertiges Dokument übergeben, bleibt es fremd. Das Team versteht das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin. Sobald die erste Anpassung nötig wird, fehlt die Grundlage, sie selbst zu treffen.

Das zeigt sich nicht sofort. In den ersten Wochen nach Projektende sieht meist noch alles gut aus. Die neue Kampagne läuft. Die Website ist online. Die Präsentation liegt im Ordner. Der Bruch kommt später, wenn eine Situation eintritt, die im Konzept nicht vorgesehen war. Ein neuer Wettbewerber. Eine Reaktion, die anders ausfällt als erwartet. Erst dann zeigt sich, ob im Team ein eigenes Verständnis entstanden ist oder nur ein fertiges Ergebnis verwaltet wird.

Was mit implizitem Wissen passiert, wenn niemand es aufschreibt

Für dieses Problem gibt es in der Wissensmanagement-Forschung ein brauchbares Modell. Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi haben 1995 in “The Knowledge-Creating Company” beschrieben, wie implizites Wissen, also Erfahrungswissen, das jemand hat, aber nicht ohne Weiteres erklären kann, zu explizitem, teilbarem Wissen wird. Ihr SECI-Modell unterscheidet vier Schritte: Sozialisation, wenn Wissen durch gemeinsames Tun weitergegeben wird. Externalisierung, wenn daraus etwas Dokumentiertes entsteht. Kombination, wenn dieses Wissen mit anderem verknüpft wird. Internalisierung, wenn ein Mensch es durch eigenes Anwenden wieder zu seinem eigenen impliziten Wissen macht.

Auf eine Marketingberatung übertragen: Eine Strategie, die im stillen Kämmerlein entsteht und anschließend präsentiert wird, überspringt die ersten beiden Schritte komplett. Es gibt keine Sozialisation, weil niemand aus dem Team beim Entstehen dabei war. Es gibt auch keine echte Externalisierung, weil das fertige Dokument zwar explizit ist, aber niemandes eigenes Denken abbildet, sondern nur meines. Was fehlt, ist die Spirale. Wissen, das einmalig von außen nach innen geliefert wird, dreht sich nicht weiter.

Das Team weiß oft schon mehr, als vermutet wird

In Bestandsaufnahmen wird regelmäßig deutlich, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Vertrieb, Service und Innendienst sehr genau wissen, warum Kunden kaufen und woran Abschlüsse scheitern. Dieses Wissen ist nur nirgends festgehalten und fließt darum selten in Strategie oder Kommunikation ein. Ein moderierter Workshop bringt in wenigen Stunden zusammen, was über Jahre entstanden ist. Hier beginnt Verankerung, nicht erst bei der Übergabe der fertigen Unterlagen.

Wer das ernst nimmt, dreht die übliche Reihenfolge einer Beratung um. Nicht: der Berater analysiert, entwickelt, präsentiert. Sondern: der Berater moderiert zunächst, ordnet, macht sichtbar, was im Unternehmen an Wissen bereits vorhanden ist, und arbeitet erst danach mit dem Team an dem, was fehlt. Das dauert länger als eine reine Auftragsarbeit. Es ist aber der einzige Weg, bei dem am Ende mehr im Unternehmen bleibt als eine PDF-Datei.

Wissen ist nicht an eine Person gebunden, auch nicht intern

Der Fehler, Wissen an eine einzelne Person zu binden, passiert nicht nur mit externen Beratern. Er passiert auch innerhalb von Unternehmen, wenn eine Marketingaufgabe über Jahre bei einer Person hängt, die irgendwann geht. Nach der Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamts waren 2025 rund 41 Prozent der Erwerbstätigen seit mindestens zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber beschäftigt. Fast 39 Prozent dagegen waren es weniger als fünf Jahre. Ein erheblicher Teil des Marketingwissens in jedem Unternehmen sitzt also potenziell bei Menschen, die in absehbarer Zeit wechseln, befördert werden oder in Rente gehen.

Wer Marketingwissen ausschließlich in den Köpfen Einzelner belässt, ob intern oder extern, verlässt sich auf Zufall. Verankerung heißt deshalb nicht, mir am Ende eines Projekts eine gute Übergabe abzuverlangen. Es heißt, von Anfang an so zu arbeiten, dass Wissen nicht an eine einzelne Stelle gebunden bleibt.

Woran sich erkennen lässt, ob Wissen wirklich ankommt

Ein paar Fragen helfen dabei, das während einer laufenden Zusammenarbeit zu prüfen, nicht erst danach. Könnte jemand aus Ihrem Team die zentrale Entscheidung der Strategie einer Kollegin erklären, ohne die Präsentation aufzuschlagen? Gibt es zu einer Kampagne eine kurze schriftliche Begründung, warum sie so und nicht anders angelegt wurde, oder nur das fertige Motiv? Wurde die letzte Anpassung an einem laufenden Format von Ihrem Team selbst vorgenommen, oder musste dafür erst wieder jemand von außen gefragt werden?

Wenn die Antworten überwiegend Nein lauten, ist das kein Grund zur Sorge, aber ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch darüber, wie die Zusammenarbeit weitergehen soll. Häufig reicht es, den nächsten Schritt gemeinsam statt allein zu erarbeiten.

Was ich in der Zusammenarbeit konkret anders mache

Ein paar Dinge lassen sich daraus ableiten, und ich richte meine Projekte danach aus. Workshops statt Alleingänge: Strategie und Positionierung entstehen im Gespräch mit den Menschen, die später damit arbeiten, nicht an meinem Schreibtisch. Leitlinien statt Ergebnisdokumente: Was am Ende zählt, ist nicht die fertige Kampagne, sondern die nachvollziehbare Begründung dahinter, damit Ihr Team ähnliche Entscheidungen später selbst trifft. Wiederholung statt Einmaligkeit: Ein Format. Ein Prozess. Eine Vorlage. Einmal erklärt, reicht das nicht. Im Alltag muss es immer wieder angewendet werden, bevor daraus echtes, verinnerlichtes Wissen wird. Und ein fester Rhythmus für Sparring statt eines einzelnen Abschlusstermins, damit Fragen, die erst bei der Umsetzung auftauchen, auch beantwortet werden, wenn sie entstehen.

Am Ende einer solchen Zusammenarbeit steht kein Ordner, den niemand mehr aufschlägt, sondern ein Team, das die Fragen, die sich als Nächstes stellen, selbst einordnen kann. Das ist ein bescheideneres Bild von Beratung, als Werbung dafür gern verspricht. Es ist aber das einzige, das hält, wenn ich längst wieder weg bin.

Quellen

  1. SECI model of knowledge dimensions Wikipedia, zusammenfassend zu Nonaka/Takeuchi, "The Knowledge-Creating Company", 1995 · abgerufen am 06.08.2026
  2. Perspektiven externer Beratung in Organisationen KMU-Magazin, Studie des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (Iafob), 32 Interviews · abgerufen am 06.08.2026
  3. Dauer der Beschäftigung beim aktuellen Arbeitgeber Statistisches Bundesamt (Destatis), Arbeitskräfteerhebung 2025 · abgerufen am 06.08.2026

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